Wer ist hier der Boss?

Ein wichtiger Moment der Klarheit entsteht mit der Erkenntnis, gegen welchen Endgegner man im Leben kämpft. Seit meine Mutter mir erzählt hat, dass ich mir schon als Baby die Mütze vom Kopf gerissen habe kenne ich meinen: Das Wetter – das Hamburger Wetter im besonderen.

Wer noch nicht längere Zeit hier war, dem ist es schwer zu vermitteln: In Hamburg hat das Wetter Moves und Combos drauf, von denen man andernorts nur in wilden Mutmaßungen gehört hat! Vielleicht wussten Sie es nicht, aber Meteorologie wird bei uns von der Grundschule an als eigenes Fach unterrichtet – anders lässt sich den Rahmenbedingungen nicht begegnen. Leider muss ich gestehen, dass ich mich dem Kampf nie ernsthaft gestellt habe. Stattdessen setze ich Zeichen und protestiere vehement bis zum heutigen Tag gegen das Konzept „angemessene Kleidung“.

I won’t let the sun go down on me …

Für mich ist „Sonnenbrille“ etwas wie „Rosine“ – ein Wort das mir bekannt ist ohne in meinem Leben Bedeutung zu haben. Ich könnte Wochen jünger aussehen, wenn ich das Konzept frühzeitig umarmt hätte, aber zunächst gibt es ein genetisches Hindernis: Das Fehlen einer Handtasche. Das geht sehr schlecht mit meiner gebogenen Ray Ban zusammen, die in einem Etui von der Größe eines Carports aufbewahrt wird. Ich bin schon tagelang mit zugekniffenen Augen durch fremde Städte gestolpert wie nach einer Atomexplosion. Wildfremde haben mich gefragt, ob ich koreanische Vorfahren hätte. Aber was ist Würdelosigkeit schon gegen Prinzipien? Pah!

You can stand under my umbrella (Ella ella eh eh eh)

Nun ist Sonne in Hamburg ein zu vernachlässigendes Phänomen, aber auch im Umgang mit Regen ist es nicht besser. Es fängt mit einem Trauma an: ein gelbes, unförmiges Plastikding das Sauerstoff hermetisch ausschließt und die Sicht behindert – das Regencape. Auch Kopfbedeckungen waren für mich nie eine Option – ich sehe automatisch aus wie Forrest Gump. Wie oft ich in meinem Leben schon mit nasser Jeans sitzen musste – ich rede mir ein, es hätte meinen Charakter gestärkt, aber zumindest sind im Feuchtbiotop meiner Schuhe schon neue Lebensformen entstanden.

Auch mit Hipsterfahrrad (Sie wissen ja, „Function follows form“: Wozu brauche ich eine Gangschaltung, geschweige denn Schutzbleche???) bleibt es eine Achillesferse. Neulich kam wieder die seltene Fügung: Jeans mit niedrigem Bund, die Jacke kurz, die Straße nass, ein feiner Wasserstrahl, der von oben ins Bauarbeiter-Dekolleté pieselt – das sind Zutaten für ein feinsinniges autoerotisches Erlebnis, das jeder mal erlebt haben sollte.

Close to me

Ich wüsste, wie es besser geht: Eine Freundin lebt mit einer nie dagewesenen Differenziertheit das Zwiebelprinzip (vielleicht ein evolutionäres Thema – ich halte Frauen biologisch für wechselwarm). In einem nie gesehenen Arrangement aus BHs, Unterhemden, Blusen, leichter Strickjacke, leichtem Baumwolltuch, Handschuhen, mittlerem Schal, leichter halblanger Jacke und zweiter Überjacke kann sie die Körpertemperatur aufs Tausendstel genau auf die Außentemperatur abstimmen.

Ich agiere da als Designer eher visuell. Ein Blick aus dem Fenster: Bei blauem Himmel T-Shirt, bei Wolken Sweatshirt und dicke Jacke (heißt: dass ich 98% der Zeit blaue Hände habe oder schweißgebadet bin) Dabei habe ich immer meine liebste Ex-Kollegin bewundert, die morgens drei Apps prüft, Wetterballons aufsteigen lassen, mehrere Frösche in Gläsern hält und eigene Berechnungen auf einem chinesischen Supercomputer durchführt, bevor sie perfekt angezogen die Wohnung verlässt.

Dafür habe ich auf meinem Weg einige bedeutende Lifehacks entwickelt: In meinen Teenagerjahren z.B., Haargel war schon erfunden, bin ich im Winter manchmal mit nassen Haaren zur Schule gegangen, um dort angekommen eine perfekt gefrorene Igelfrisur zu präsentieren. Und wer noch nie das Stechen gespürt hat, wenn unterkühlte Hände wieder durchblutet werden, wird den süßen Zauber einer Gratis-SM-Session nie verstehen.

Und es ward Kabel

Würde man heutigen Kindern Filme aus meiner Kindheit zeigen (die es nicht gibt, weil wir keine Super-8-Kamera hatten), würden sie vermutlich eine Dokumentation über das Spielverhalten von Neandertalern vermuten. Für mich aber war es ein verheißungsvoller Aufbruch in eine digitale Zukunft, um die Bauklötzchen und Bolzplätze hinter mir zu lassen. Ein wichtiges Symbol war der langsame Abschied vom Kabel – ein Kampf, den ich bis heute kämpfe.

Ich wollte ein (funk)ferngesteuertes Auto, als sie in Mode kamen. Aber viele Wünsche gehen zu weniger als 100% in Erfüllung – so auch dieser. Ich bekam aus Geldmangel einen rot-gelben Kipplaster mit einem gelb ummantelten Kunststoffkabel, an dessen Ende eine ebenfalls rote Fernbedienung hing – nur ohne Funk. Nicht dass ich undankbar war, aber im Abstand von 1,5 Metern hinter einem Auto herzulaufen war, wie einen phlegmatischen Hund an der Leine zu führen.

Zur gleichen Zeit wichen unsere Zahnbürsten einem elektrischen Zahnpflegecenter mit Munddusche – das erste kabellose Gerät in einem schlammigen Beige-Braun, das an Zahnbelag erinnerte. Wie sich das Gerät ohne Anschluss auflud, wenn man es in die Ladehalterung stellte, war mir ein Mysterium (ich warte seit 18 Jahren, dass mein Handy diesen Trick beherrscht).

Die Coolness, etwas kabellos, also transportabel zu machen, war in der Übergangszeit vor allem mit Last verbunden. Mein Radiorekorder benötigte acht Monozellen, um steckdosenlos Musik zu machen. Er bekam dadurch das Gewicht, nicht jedoch das Aussehen eines Ghettoblasters und blastete weder besonders eindrucksvoll, noch in einem Ghetto. Erst Jahre später war ich bei einem winzigen metallic-roten Sanyo-Walkman angekommen, noch lange, bevor Akkus die endgültige Freiheit bedeuteten.

Dann lösten sich im Strom des Fortschritts immer mehr Geräte von der Nabelschnur einer Steckdose: der Rasierapparat (bevor ich mich später für immer der Nassrasur zuwandte), das Telefon (dessen verdrehtes schwarzes Kabel während meiner geschwätzigen Pubertät einen Großteil der Zeit durch den Flur und unter meiner Tür hindurch verschwand), der Fernseher (dessen Fernbedienung mir die Welt des zappen eröffnete).

Aber die Kabel gaben nicht kampflos auf. Sie verbargen sich in einer dunklen Zimmerecke und warteten auf den perfekten Moment: Als ich meinen ersten PC kaufte bildeten sie hinter meinem Schreibtisch ein – trotz Kabelbindern – undurchdringliches Schlingpflanzengewirr. Es kostete mich Jahre … Moment … ich erkenne ein Muster … es ist wie der Energieerhaltungssatz: Kabel verschwinden nicht, sie werden in andere Kabel umgewandelt.

Jetzt wird mir alles klar. Vorletztes Jahr, als mich am Flughafen in München die nackte Angst befiel, weil mein Handy mit der digitalen Bordkarte nur noch 3% Akkuladung hatte. Ich lief wie ein Junkie durch die Gänge auf der Suche nach einer öffentlich zugänglichen Steckdose; dann kauerte ich neben meinem angestöpselten Handy wie einem auf der Straße verblutenden Kind und flüstere „Hab keine Angst, Papa weicht nicht von Deiner Seite“. Es war der Bumerang, der Mittelfinger aller Kabel, die ich zurückgelassen zu haben glaubte. Hochmut kommt vor der Drahtlosigkeit,

Ebend!

Als halbwegs eingebildeter Deutscher fühle ich mich verpflichtet, Sprache zu lieben und zu achten und gleichzeitig möchte ich allen zugestehen, sie als atmendes, sich ewig wandelndes Wesen zu begreifen, das Jedem in seiner eigenen Form dient … und Fledermäuse sollten vor dem Gesetz endlich mit regulären Mäusen gleichgestellt werden. Stop. Noch mal von vorn.

Ich bin ein elitäres Arschloch. Auf dem Arbeitsweg eröffnen neue türkisch geführte Läden (eine Volkswirtschaft, die auf den drei Säulen Handyläden, Friseur und Hackfleischbraterei gebaut ist): und nun heißt das neu eröffnete Café „Expresso“? Man könnte argumentieren: Leute die „Süt“ zu Milch sagen und „Müzgüm“ zu Hans … nein aber da hört der Spaß auf, ich will vor diesen Entwicklungen nicht einknicken. Wie sehr müssen die Italiener uns hassen: Erst integrieren wir ihre komplette Kultur von Kaffee, Teig- und Süßwaren, um dann in ihre Sprache in einem kollektiven Gangbang durchzunageln. (und ich meine nicht meine Kollegin die in einer Welt voller selbsterfundener Spitznamen lebt, wo Nudeln mit Hacksoße „Spacko Bolo“ heißen). Ich kenne das Gefühl, wenn ich eine Blockade im Rücken bekomme – ein feiner Schmerz, als würde mir Jemand ein Skalpell zwischen die Wirbel schieben. Bei jedem „Gnotschi“ und „Tschianti“ spüre ich genau diesen Schmerz und möchte mich in Stephen Hawking verwandeln – nur mit besseren Zähnen.

Wenn ich es wenigstens auf die Laien schieben könnte. Ich habe diese Idee, dass Jemand das Fachvokabular seines Berufs beherrscht (außer in meinem, aber dazu später) – ich nenne es Qualifikation. Die Kassiererin aber kann nach 15 Jahren das Wort „Cent“ nicht aussprechen, sie sagt „Zzent“, vielleicht aus einem tiefen Neid gegenüber der finnischen Sprache, mit zwei Konsonanten. Im Block House wird mir „Suhr Creme“ angeboten als wäre es das ostfriesische Nationalgericht, und ich denke „Gleich werde ich echt suhr“: So weit ist es eigentlich nicht von der Idee einer „sauren Creme“ entfernt (worauf meine liebe Kollegin, ebenso wie ich Mitglied bei Sprach-Pegida, reflexhaft sagt: „Es heißt doch auch nicht Whisky suhr“).

Dabei ist mein eigenes Berufsumfeld noch schlimmer (damit könnte ich einen eigenen Blogbeitrag füllen), hier fliegt mir täglich eine Splitterbombe aus Wörtern um die Ohren, denn alle wollen Piloten, Lokführer, Baggerfahrer oder Kindergärtner sein, so viel wird „Text reingeflogen“, „Bilder reingefahren“, „Aufgaben heruntergebrochen“ und „Varianten gespielt“. Und das berührt noch nicht das unendliche Feld der Anglizismen und ihrer eigenen Grammatikschwurbeligkeiten: (downgeloadet, gebackuped?) oder den Impact-Incentive-Packshot-Responsive-Wahn anderer Agenturen.

Wo ich endgültig zu Eva Herrmann werde ist bei einer der hartnäckigsten und penetrantesten Wortschöpfungen: das frei erfundene Verb „benamsen“. Eine soziologischen Studie könnte vermutlich erklären, warum vor allem Programmierern diese Variante benutzen – nicht einmal Zweijährige reden so meschugge. Es sollte zur Pflicht werden, IT-Bewerber im Bewerbungsgespräch als erstes zu fragen: „Wenn ich einer Sache einen Namen gebe dann tue ich was?“ Und Gnade Gott, ich stehe mit einer Cherry-Tastatur hinter der Tür und verprügsel Jeden, der falsch antwortet.

Gluten – eine von uns Beiden muss nun gehen

Letzte Woche hatte ich beim letzten Treffen der „Anonymen Allesesser“ (AAE) einen Durchbruch. Ich bin vor die Gruppe getreten und habe langsam und laut gesagt: „Ich esse Gluten“. Die anderen haben applaudiert und ich habe ein bisschen Gänsehaut bekommen. Dass ich jemals so weit kommen würde …

Ach, das Selbstmanagement: keiner braucht mehr Ärzte, die allwissende Müllhalde Internet und Zeitschriften predigen, was meinen Körper optimiert, Geheimtipps werden im Kreise der Freunde herumgereicht wie Joints. Aber es ist ja auch schlimm mit den Unverträglichkeiten, Umweltgiften und dem Gruppenzwang – ich horche den ganzen Tag in mich hinein, ob ich ein kleines Grummeln oder Zwicken finde, damit ich mitreden kann.

Gott sei Dank, da kommt Hilfe. Eine Bekannte verschenkt Bücher wie „Weizen ist die Saat des Teufels“, „Der Darm – das Land, in dem nie die Sonne aufgeht“ oder „Fruktose – Hitler unter den Zuckerarten“. Ich als Kind der Achtziger arbeite mich immer noch an gesättigten Fettsäuren, Industriezucker und Dioxin ab, da sind wir schon längst bei freien Radikalen, Acrylamid und Transfetten. Ich empfinde diese Hetzjagd als zutiefst ungerecht. Wir schaffen Diskriminierung ab, machen Frauen zu Bundeskanzlern, akzeptieren geschlechtlich Unentschlossene, integrieren Aborigines, aber Weizen und Kuhmilch werden verfolgt, als würden sie durch den Irak ziehen, Kulturgüter zerstören und Andersgläubige töten (wo bleibt der Gerichtshof für Menschenrechte, wenn man ihn wirklich braucht).

Genug Steine geworfen – wir schalten live ins Glashaus

Aber schließlich hat die Gehirnwäsche auch bei mir gewirkt. Weil Obst und Gemüse für mich eher den Stellenwert von Slipeinlagen und Schuppenshampoo haben, fülle ich meinen Speiseplan, abseits der realen Notwendigkeiten (zehn ausgepresste Zitronen, aufgekochte Ingwerscheiben und Zink in absurden Dosen, wenn ich erkältet bin) seit jeher mit Nahrungsergänzungen auf: Magnesium (weil ich sechsfacher Olympionike bin), Vitamin D (weil wir in Norddeutschland in ewiger Dunkelheit leben), Eiweißshakes (zusammen mit einem Mens Health-Abo das Killerrezept gegen meinen schlanken Körperbau), gummiartige Energieriegel wie aus dem Baustoffhandel (weil ich im regelmäßig Fitnesscenter 240 KG stoße) usw.

Aber dort endet meine Irrationalität noch lange nicht. Ich esse Müll – wortwörtlich. Seit mir ein Orthopäde den Tipp gegeben hat, wie alle Balletttänzer Glucosamin einzunehmen, esse ich teure weiße Kapseln, die aus Krusten von Schalentieren und gemahlenen Rinderknorpeln hergestellt werden. Es geht noch besser: Ich esse Dreck – auch wortwörtlich. Ich habe in den letzten Wochen Heilerde aus dem Biosupermarkt probiert, weil es angeblich bei der Darmsanierung hilft. Die Wirkung beider Mittel ist verblüffend – mein Portemonnaie wir anorektisch.

Meine persönliche Grenze habe ich im letzten Jahr mit einem grünen Smoothie erreicht: eine schlickige grüne Pampe aus Kiwi, Minze, Spirulina, Moosi und Löwenzahn – so dick, dass ich es nicht durch den Strohhalm saugen konnte, so ekelhaft, als würde ich Ausgebaggertes von der Elbvertiefung trinken. Pfui-bäh. Darauf einen Red Bull und eine Packung Tic-Tac. Und wenn ich am Ende von Schrippen Alzheimer kriege, dann hatte ich mein ganzes Leben Spaß beim Frühstück und am Ende kann ich mich mehr erinnern – wenn das kein guter Deal ist.

Für mich soll’s rote Ohrstöpsel regnen

Gestern auf der Zugfahrt erlebe ich, wie am Nebentisch folgende Situation erblüht: zwei Pärchen, geschätzt Mitte dreißig, dezent angehipstert, eins davon hochschwanger (sie konnte Hände und Brüste auf ihrem Bauch ablegen), mindestens drei im Krankenhaus tätig, einer als Arzt. Es folgt mein ganz privates „Gott des Gemetzels“, nur ohne Kotzen und Kate Winslet.

Akt 1: Das kleine Gespräch

Der Kerl mit den dem roten halbverstylten Bart und kräftigen Unterarmen holt eine Plastikdose heraus und beginnt, Melonenstücke zu essen. Ein erster, hormoninduzierter Redeschwall seiner Lebensgefährtin weist ihn in die Schranken (du kannst gerne jetzt schon essen ich habe gerade gar keinen Hunger ich würde eher so in zwei Stunden essen wollen aber in diesem Moment noch gar nicht). Er packt die Melonen wieder weg. Dann werden alle Topoi abgelaufen, die in einem heterosexuellen Mittdreißigeruniversum relevant sind: die Jobsituation in medizinischen Berufen (ich konnte das nicht weitermachen klar ist da Wertschätzung aber die Perspektiven waren mir zu unklar außerdem hätte ich noch ein Studium dranhängen müssen). Beurteilung der letzten absolvierten Hochzeiten (die Location war toll aber das Essen ging gar nicht sogar die Gin Tonics waren furchtbar, vor allem als Schwangere war wenig für mich dabei Salat geht ja nicht und das Fleisch war auch nur halbdurch, blöd wenn man dann bei Bratkartoffeln hängen bleibt), wie toll und wertvoll der gemeinsam initiierte Stammtisch ist (inzwischen läuft das richtig regelmäßig da bringt jeder immer wieder neue Leute mit und dadurch entsteht ein schöner Vervielfältigungseffekt), die Messlatte beim Thema wohnen (Lina* und Mark* sind eigentlich so versessen auf bodentiefe Fenster aber als sie bei uns waren fanden sie auf einmal unsere Wohnung so toll), andere Paare (jaja, Corinna* und Ole* sind inzwischen auch verheiratet und ein Kind haben die auch irgendwie haben die sich zusammengerauft ja finde ich auch schön) und dann streuselt die Schwangere die ersten Schwangerenthemen ins Gespräch (diese Spezial-BHs trage ich jetzt nicht mehr weil die so unter den Armen kneifen die sind zwar hilfreich aber wenn es nicht zu meinem Körper passt muss man es ja nicht übers Knie brechen) Zwischenauswertung: Redeanteil Frauen: 80%, Männer 20%.

Akt 2: Das Östrogenkarusell

Nach circa einer halben Stunde verschwinden die Männer in ein Areal ihres Gehirns, das ausschließlich mit Testosteron tapeziert ist. Mann 1 setzt eine Schlafbrille auf (Haha ich hatte mal überlegt ihm eine zu nähen wo Papa draufsteht in Rosa mit Rüschen), und schaltet damit genau den falschen Sinn aus (so, als würde man sich einen Mundschutz aufsetzen und dann einen Presslufthammer einschalten), Mann 2 beschäftigt sich mit seinem Handy, denn jetzt zünden die Frauen den Kommunikationsboost. Erst wird das Strickzeug ausgepackt (Reden beschäftigt offenbar nicht genug Synapsen) und ohne Männerbarriere kann endlich das Thema Schwangerschaft vertieft werden (ich hab das Thema für mich total optimiert nicht so wie Swantje* die hat es zwei Jahre probiert das wird ja sogar für den Mann anstrengend. Man kann das ja etwas pragmatisch angehen macht ja eh immer Spaß), dann kommt noch ein Nebenaspekt der Schwangerschaft (ich hab ja immer Sterilium dabei als Nichtschwangere war ich da nicht so aber wenn ich sehe was Leute alles im Bus machen Popeln und so). Dann geht die Andere aufs Klo und für eine Minute ist es fast still, bis auf leises Übersprungsbrabbeln zu ihrem Kerl (die Nagellackfarbe ist super und der platzt gar nicht so schnell ab), er bietet drei Gramm Interesse an (Ich hab auch eher Mühe mit Hitze als mit Kälte). Zwischenauswertung: Redeanteil Frauen: 99%, Männer 1%.

Akt 3: Doctor, doctor, can’t you see I’m burning, burning

Auftritt der Männer als es plötzlich technisch wird. Es folgt eine detaillierte Analyse der Softwaresituation in Krankenhäusern (benutzt ihr eigentlich iPads bei der Visite ich habe das noch nirgends in der praktischen Anwendung gesehen bei uns wird noch ganz viel mit Akten gemacht wart ihr da bei Asklepios schon weiter?). Es geht um Patientenmanagementsysteme (wir verwenden Doc Concept weil es günstiger ist, aber bei älteren Ärzten so ab Mitte vierzig ist die Schwelle schon höher. Mein Oberarzt ist 62 und der versteht nicht mal wie man das Ultraschallgerät mit dem Computer koppelt)

Zu diesem Zeitpunkt habe ich mein passiv-aggressives Arsenal verbraucht: böse zu den Frauen hinüberschauen, kopfschüttelnd die Kopfhörer aufsetzen und seufzend die Augen zu rollen. Ich formuliere in Gedanken Sätze („Können wir bitte eine Minute der Flüchtlinge auf Kos gedenken – schweigend“). Ich ritze unterbewusst mit dem Red Bull Verschluss meine Handgelenke und stehe sehnsüchtig vor dem offenen Klofenster. Schließlich nehme ich mein Gepäck und verbringe die letzten zehn Minuten der Fahrt neben der Tür.

Ich bin um folgende Einsichten reicher:

  • Frauen können ohne Atmen oder Flüssigkeitsaufnahme für geschlagene zwei Stunden reden. Ursula von der Leyen wäre froh, Waffen mit solcher Schussfrequenz und Ausfallsicherheit in der Armee zu haben.
  • Trotz jahrhundertelanger Kämpfe um Gleichberechtigung, Alice Schwarzer und Metrosexualität sind Männer und Frauen von verschiedenen Planeten: Männer vom Mars, und Frauen von einem Planeten mit sehr viel Sauerstoff.
  • Schwangere sind wie schwarzes Löcher (metaphorisch, nicht vom Umfang her), sie saugen sämtliche Materie um sich herum ein und geben sie niemals wieder frei – in ihrer Gegenwart kann nichts anderes existieren.
  • Jetzt wo die NSA alles über uns weiß kann man seine Privatsphäre in den Wind schießen und ein Zugabteil an seinem gesamten Privatleben teilhaben lassen (ich hätte einen der Männer erschießen, und seinen Platz einnehmen können wie der talentierte Mr. Ripley – ich weiß alles über die vier).

* Namen von der Redaktion geändert

Ich kaufe ein T

In meinem letzten Urlaub habe ich geholfen, eine langsam aussterbende alte Kunst am Leben zu erhalten. Mit einem Plastikfilter, bergeweise Kaffeemehl, einer Prise Salz und immer wieder auf dem Gasherd erhitzten Wasser habe ich in minutenlanger Kleinarbeit handgefilterten Kaffee hervorgebracht – als passionierter Teetrinker.

Meine Großeltern (Jacobs Krönung habe sie selig) haben es den längsten Teil ihres Lebens ebenso gehalten. Ein orangefarbener Filter, bis obenhin voll mit Kaffeepulver (im Restaurant hätte meine Oma einen Espresso für stilles Wasser gehalten), und eine Prise Salz. Aber schon dort, Jahrzehnte vor dem elitären Kaffeemumpitz heutiger Tage, zeigte sich das kulturelle Gefälle zum Teetrinken: Abends wurde die „Ostfriesen-Blattmischung” aus dem 500-Gramm-Paket gekocht: kleingehäkseltes Blätterkonfetti aus vermutlich dem, was in Ostfriesland (oder in Indien oder China) durch die Fußmatte fällt, aufgefegt und verpackt wird. Ich hingegen hatte nie die Wahl.

Alle Gemüse, die ich leidenschaftlich gehasst habe, sind in den letzten Jahren über den Todesstreifen in den Westen geflohen und wollen nun meine Freunde sein (auch Du, Blumenkohl). Nur der Schalter für Kaffee, der sich bei den meisten Menschen in der Pubertät umlegt, steht bei mir verrostet und festgegammelt auf „0“. Dieser Graben trennt mich nun vom Tanz um die goldene Bohne. Ähnlich wie Turnschuhe und Zahnbürsten ist Kaffeekonsum eine Raketenwissenschaft geworden. Und ich hätte es vorausahnen können.

Mit Staunen denke ich an die italienische Maschine in meiner früheren Agentur zurück. Aus einem massiven Block Kupfer geschlagen, mit der Statur eines Blockheizkraftwerks und der Klangkulisse des brodelnden Höllenodems, brauchte sie alleine dreißig Minuten zum Aufwärmen. Dafür konnte ich nach einigen Wochen Übung und einem Fernstudium zum Mechatroniker den perfekten Reifegrad des Milchschaums am – sich um einen Viertelton senkenden – dräuenden Gurgelgeräusch erkennen, der sich dann wie eine jungfräuliche Schneedecke im Alpenvorland auf den Kaffee legte. Bei der Insolvenz waren die größten Sorgen meiner Chefs: was wird mit dem Aquarium und wer bekommt die Espressomaschine?

Überall, wo ein Barista Kaffee aus einer chrompolierten Maschine zapft die aussieht wie das Fliewatüüt, bekomme ich ein läppisches Beutelchen mit minderwertigem Inhalt in heißes Wasser gehängt: darüber täuschen auch hippe Namen, schicke Etiketten und ein neumodsches Plastikbüdelchen (sowas wurde mir gerade bei der Leistenbruch-OP eingesetzt) nicht hinweg. In Coffeeshops kann ich auch für Tee zwischen small, tall und grande (früher klein, mittel und groß) wählen, nur ist die einzige Variable hier die Menge des heißen Wassers – was mich zur Melkkuh einer ganzen Brache macht. Oder ich trinke Chai latte, der so schmeckt wie ein Achtel in Milch aufgelöster brauner Kuchen. Italien mag seine Kaffeekultur durch die Hintertür der USA in die ganze Welt exportiert haben, aber beim Teetrinken sind wir gefühlt im Paläozän stehengeblieben.

Wenigstens zu Hause kann ich Tee so elitär und sozialpädagogenartig inszenieren wie es mir passt. Dabei muss ich nur das Billy-Regal der Hochkultur übertönen: unsere Schweizer Kapselmaschine, die wie ein Laubsauger krakeelt, und an deren Kapseln ein Marketingmonstrum inklusive riesiger durchkomponierter Shops, Tassen- und Zuckereditionen, George Clooney und ein jährlicher Aluminiumberg mit dem Gewicht des Eiffelturms hängt. Dafür hat der Kaffee im Abgang schöne Grapefruitaromen. Wenn ich hingegen gefiltertes Wasser verwende und mir Tee für 20 Euro gönne, kriege ich von allen Rotwein-/Champagner-/-Whiskytrinkern verständnislose Blicke. Ich hoffe, in Den Haag wird man sich beizeiten damit befassen.

Im Herzen Proll

Neulich bin ich in einem schwierigen Moment mit einem Carsharing-Cabrio durch die milde Luft des Frühlings geglitten – aber das war nur Kollateralfreude. Trost fand ich später bei einem Red Bull und einer intouch (die Zeitschrift vernichtet mit jeder Ausgabe mehrere Dutzend Synapsen: ein unübertroffen betäubendes Gefühl von Frieden). Die Erkenntnis? Wohin es mich intuitiv zieht wenn es mir schlecht geht könnte der perfekte Persönlichkeitstest sein.

Gestatten, Andreas Wollny

Ich habe als Kind mit meinem Intelligenzquotienten angegeben, der im Rahmen einer Studie in meiner Grundschulkasse ermittelt wurde. Das überdurchschnittliche Ergebnis hat sich aber nirgendwo nennenswert niedergeschlagen: weder in meinem Fleiß noch in bahnbrechenden Erfindungen. Als Referenz streue ich heute noch Worte wie „rudimentär“ oder „periodisch“ in meine Gespräche ein, ansonsten hat der andere Teil meiner gespalteten Persönlichkeit die Kontrolle übernommen: Tief in mir drin herrscht ein unausrottbares Proletentum.

Meine erste Freundin war mit 16 auf diese überheblich teeniehafte Art intellektuell/altklug. Sie wollte Journalistin werden, analysierte die Texte von Jefferson Airplane und las Carlos Castaneda. Ich stand, zunächst voller Scham, später voller frisch emanzipiertem Selbstbewusstsein, auf Paula Abduls „Straight up“ und schoss die Beziehung nach sechs Monaten (gefühlt kurz vor der silbernen Hochzeit) in den Wind (in Niendorf spricht man noch heute von unserem epischen Streit im Sachsenweg). Der Weg war geebnet.

Heute, auf dem Boden eines Tiefs, lausche ich nicht der Stimme von Iris Berben, die mir „Krieg und Frieden“ vorliest, sondern schieße Aliens laut schimpfend den Kopf von den Schultern. Abends esse ich, nur mit dem allerkleinsten Stich eines schlechten Gewissens, erst einen halben Becher Ben & Jerry’s und danach eine Tüte Chips statt Abendbrot, und vertröstete den ersten Apfel des Jahres auf Mitte Mai. Im Fernsehen schaue ich nicht hochgestochenes Zeug wie meine Kollegen („Mad Men“? „Homeland“?), sondern „Arrow“ und „Chicago Fire“.

Ich furze auf dem Sofa, um beim fragenden Blick unschuldig Richtung Fenster zu schauen („Ich glaube, sie Düngen wieder die Felder“). Ich renne ins Fitnesscenter, um im Pheromon-Nebel meiner türkischen Kumpels Aksoy und Gürhan zu trainieren und lasse mich in die Stumpfheit der Atmosphäre sinken.

Ich weiß, dieser Lebensstil lässt sich nur eine Zeit lang rechtfertigen, aber zu besonderen Zeiten braucht mein Gehirn eine Pause. Wer in diesen Momenten noch nie Loopinbahn-Videos auf youtube geschaut hat weiß nicht, was Frieden bedeutet. Den bebenden Körpers eines Hundewelpen aus den Flammen retten kann ich später noch (ach Mist, das war noch aus der Serie von eben).

P.S. In Gedenken an meine Mutter