Ehepaar Reimer und ich

Vielleicht kommt der Moment unerwartet, wo das Leben in zwei Abschnitte geteilt wird– davor und danach. Und selbst wenn: Meistens ist dieser Wechsel eine mindestens zweispurige Straße, auf der man zu jeder Zeit wenden und eine neue Richtung einschlagen kann. Möglich, dass man die Veränderung selbst herbeigeführt hat – wie einen Jobwechsel, eine Geschlechtsumwandlung oder ein Glas Tomatensaft, das man am Buffet irrtümlich für Erdbeersaftsaft hielt; oder es trifft einen unerwartet wenn das Schicksal ohne Rücksicht auf Kollateralschäden einfach zulangt wie im Affekt.

Mein „Danach“ mit Ehepaar Reimer beginnen zu lassen mag banal wirken, aber alle Beteiligten haben etwas Zeit verdient, mit der Wahrheit dieser Geschichte vertraut zu werden, was bei einigen Wahrheiten eindeutig schneller geht als bei anderen.

Ich weiß nicht wie die Reimers aus der Nähe von Bremen mit Vornamen heißen, ich vermute „Herr“ und „Frau“. Wie nach einem abwegigen Speed Date haben wir eine Woche lang den Raum geteilt – aber wir sind die ganze Zeit beim „Sie“ geblieben. An einem Dienstag zur Abendbrotzeit (das heißt 17.30) haben sie Zimmer 16 der Station 3c und mein Leben betreten und sich höflich aber mit angemessen deutscher Distanz vorgestellt, die zu 30% aus Kunstfaser besteht. Frau Reimer hat seinen Kunststoffkoffer mit der knallblauen Mallorca-Pfiffigkeit neben das Bett gestellt, sonst blieb sein Teil des Zimmers karg (anders als meine grüne Süßigkeitenkiste und die langsam entstehende Mützenkollektion), keine Fotos, und sein Ehering, der sich nicht einmal mit Seife abziehen ließ, musste mit Verbandmaterial und Pflastern fixiert werden.

Nah sein und entfernt sein

Nach wenigen Minuten begann ein Ritual loriothafter Vertrautheit. Sie nahmen den an einem Schwenkarm befestigten Fernseher mit Chipkarte und Pincode in Betrieb um nebeneinander auf der Bettkante „Jörg Pilawa“ zu sehen, ohne ein Wort mit einander zu sprechen oder auch nur einen Begriff zu erraten.

Frau Reimer ist mit ihm nach Hamburg gekommen, hat ein Bed&Breakfast-Zimmer in der Nähe der Klinik bezogen, sodass sie für ein paar Tage das feine Eppendorf erleben durfte. Morgens genoss sie ein liebevoll bereitetes Frühstück mit Eiern, Speck und mehr Sorten Marmelade, als sie in ihrem Supermarkt finden. Gegen 10.30 betrat sie täglich unser seltsames Gehege aus festen Abläufen und Großküchenessen, ohne ihren Mann mit Kuss oder Umarmung zu begrüßen (ich habe in der gleichen Zeit mehr Personen zur Begrüßung umarmt und geküsst als Imelda Marcos und die Wörter von 24 Stewardessen verbraucht). Nach Austausch der Faktenlage in und außerhalb der Klinik vertieften sich beide in Zeitschriften und zementierten die seit der Steinzeit bestehenden Regeln der Evolution, dass Männer mit Autos und Frauen mit Prominenz befasst sind. Sie blieb neben ihm sitzen , wenn er auf dem Bett schlief und leise schnarchte, und sie aß jeden Tag nach ihm die zweite Hälfte des Mittagessens. Wie seltsam und unvergleichlich Zuneigung aussehen kann..

Ein möglicher Moment der Verbrüderung starb mit der Frage, ob ich Fußball mag. Ich, der Biathlon nicht von Unterwasserboule unterscheiden kann, habe sie beim Confed-Cup verfolgt, wo San Marino gegen die Falklandinseln spielt oder so; Ich habe dabei nichts empfunden. Nur der Kreissaal im Gebäude ließ uns näher zusammenrücken(Wussten Sie, dass Frau Reimer bei der Geburt ihrer drei Kinder nicht sehr laut geschrien hat?) und es waren Erkenntnisse ekstatischer Biologie, dass Leben manchmal zugleich entsteht und endet.

Unsere Diskretion hatte nur diese eine seltsame Sollbruchstelle, die hier vielleicht fast alle Patienten erlebt haben: Wir holten die virtuellen Karten heraus und spielten Diagnosenquartett. Herr Reimer begann: „Ich habe einen Tumor, wird morgen durch die Nasenscheidewand abgesaugt, Kopf wird nicht aufgemacht, das war beim ersten Mal so, 2001, dann 2003 noch mal, Hypophyse ist auch schon weg – und bei ihnen?“ Ich lerne später, dass ich ihn übertrumpfen konnte, aber noch sagte ich meine Diagnose knapp und verschämt, nicht wie eine provokative Trophäe.

Sein Gesicht war das erste, was ich morgens sah, sein „Gute Nacht“ oft das letzte, was ich abends hörte. Wir verloren unsere Würde nicht beim hinten offenen OP-Hemd (was nichts ist verglichen mit dem mikroskopischen Höschen, das sich wie eines dieser gepresstes Geschenkhandtücher entfaltete; Vermutlich werden wir eher den Mars besiedeln als zu einer menschenwürdigen Klinikbekleidung zu kommen). Nur als sie einmal meine Tränen gesehen haben sind sie in stillem Verständnis aus dem Zimmer gegangen.

In dieser seltsamen Zeit habe ich Herrn Reimer sich übergeben sehen, uns wurde Nadeln und Schläuche aus dem Arm gezogen, sein EKG wurde jede Nacht zweimal kontrolliert und er musste jede einzelne Urinflasche zum Messen abgeben und gegen eine neue tauschen. Wir bewahrten unsere Haltung, vielleicht um uns unserer Stärke gewiss zu bleiben: freundlich zu den Schwestern, aufmerksam, wenn Ärzte mit uns sprachen, um kleine Scherze bemüht, ein Lächeln. Wir dachten, der Moment würde kommen, wo wir einen Gefallen erbitten – diese Momente kamen und die vorsichtig geworfenen Bumerangs kamen fast immer zu uns zurück wie geplant.

Dann, an einem Mittwoch, wurden wir beide entlassen. Seine Frau zog wieder den blauen Koffer. „Das wird schon“ haben sie zu mir gesagt und ich habe etwas ähnliches entgegnet. Ich saß noch einige Zeit alleine im Zimmer, benommen von den Ereignissen, bevor das Leben uns in die Realität zurück spuckte: mich und die Reimers, die ich wohl nie wieder sehen werde, aber wir müssen weitermachen.

Goodbye Über-Ich

Vielleicht beschäftigt mich dieses Thema, weil ich mich derzeit in einer Art juristischer Vendetta befinde (oder wie ich liebevoll sage „Masturbation mit Anwälten“), aber im Grunde reicht es viel tiefer: Ich habe seit jeher ein hysterisches gespaltenes Verhältnis zu Autoritäten.

Das fängt nicht erst bei Flughafenkontrollen an wo ich, an Businessflüge gewöhnt, bis auf die Unterhose ausgezogen, mit offener Tasche und schweißgebadet bereit stehe, während sich vor mir Paare dreist empören, die viel mehr zu befürchten haben („Wie, keine Flüssigkeiten? Auch nicht diesen 50-Liter-Kanister Schiffsdiesel?“). Spätestens am Nacktscanner zeige ich hektisch auf das Strichmännchen und rufe: „Die rote Markierung, ist das Krebs?“

Auf der Strafbank

Geldangelegenheiten sind die nächste Eskalationsstufe: Auch wenn ich bei Bankterminen mit „Vor so was habe ich mehr Angst als vor dem Zahnarzt“ stets Schmunzeln ausgelöst habe – für mich war es immer bitterer Ernst. Im Geiste habe ich mich mit einem Bungalow in Groß Borstel, einem Sparbuch für meine Zwillinge und Investitionen in einen Schiffsfond die Filiale verlassen sehen, der bis zum 120. Lebensjahr läuft. Nach dem letzten Gespräch dieser Art habe ich zwei Jahre Psychotherapie gemacht („Andreas, ich lege Dir jetzt eine EC-Karte in die Hand – was macht das mit Dir?“) und bin zu einer Onlinebank gewechselt.

Trotzdem ich mehrmals die DDR-Grenze überquert habe (mit dem neongelben VW-Käfer meiner Mutter, der immer gefilzt wurde), hat es mich diesen Sommer an der Grenze nach Norwegen besonders traumatisch erwischt. Nach dem der Grenzbeamte mich (in neutralem, nicht bedrohlichen Ton) mit Fragen zu löchern begann und den Wagen auf den Kopf gestellt hat (inklusive Überprüfung des Bekannten, bei dem ich übernachten wollte, der, juchhe, einen arabischen Namen hat), wurde mein Englisch flugs zu dem eines 5.-Klässlers und ich habe spontan Asthma bekommen. Als er mich, vermutlich zur Auflockerung, nach der besten Achterbahn Skandinaviens fragte, stand ich in einer Urinlache und wimmerte: „Ich kann diese Frage nicht beantworten, Herr Jauch. Behalten sie ihre ¼-Millionen und lassen sie mich gehen.“ Nach 15 Minuten hatte mich der Beamte schließlich soweit, dass selbst ich neben dem Reserverad eine nordkoreanische Familie mit 50 Gramm Koks vermutete. Danach ich habe ich mich über die Motorhaube gebeugt und gefasst die Edelstahl-Analsonde erwartet, bis er mich mit einer genervten Handbewegung weiterwinkte.

Ein Strauß Ignoranz

Das ultimativ schlimmste Tabu ist die Steuererklärung, ein diffuses Trauma ohne realen Bezug – ich habe ihre Existenz jahrelang genauso geleugnet wie die Existenz von Rosenkohl. Durch eine glückliche Fügung wurde dieser Fleck jahrelang ins Dunkle gehüllt – das Finanzamt hat mich nie aufgefordert und ich habe jeden kleinsten Impuls unterdrückt, das zu ändern. Erst nach wöchentlichen Treffen bei den „ASA“ (Anonyme Steuerverweigerer) und gewissenhafter Befolgung ihres 12-Punkte-Programms („Ich bin Andreas“, „Hallo Andreas“, „Ich habe gestern das Formular B26 heruntergeladen ohne mich zu übergeben“ – Applaus ertönt) habe ich mich diesem zentralen finanzödipalen Konflikt gestellt. Als schließlich nach zwölf Jahren der Moment kam, habe ich meine Ordner dem muskulösen Steuerberater gegeben, die schrecklichen Alpträume verschwanden und ich konnte wieder mit Münzen bezahlen, ohne Ausschlag zu kriegen.

So schließt sich der Kreis und ich bin wieder bei meinem Rechtsstreit. Nach meinem Jura-Heimstudium (sechs Staffeln „Good Wife“) sehe ich der Realität ins Auge: Ich sitze in einem dunkel getäfelten Gerichtsaal im Zeugenstand, eine schneidige Anwältin demontiert mich im Kreuzverhör, ich flüstere mit erstickter Stimme „Es war dunkel, es war nur ein Schatten. Einspruch, Euer Ehren, Beeinflussung des Zeugen!“. Danach mache ich zur Entspannung 30 Minuten Wellness beim Zahnarzt. Die Vorstellung ängstigt Sie? Na Sie sind ja kindisch …

Wer ist hier der Boss?

Ein wichtiger Moment der Klarheit entsteht mit der Erkenntnis, gegen welchen Endgegner man im Leben kämpft. Seit meine Mutter mir erzählt hat, dass ich mir schon als Baby die Mütze vom Kopf gerissen habe kenne ich meinen: Das Wetter – das Hamburger Wetter im besonderen.

Wer noch nicht längere Zeit hier war, dem ist es schwer zu vermitteln: In Hamburg hat das Wetter Moves und Combos drauf, von denen man andernorts nur in wilden Mutmaßungen gehört hat! Vielleicht wussten Sie es nicht, aber Meteorologie wird bei uns von der Grundschule an als eigenes Fach unterrichtet – anders lässt sich den Rahmenbedingungen nicht begegnen. Leider muss ich gestehen, dass ich mich dem Kampf nie ernsthaft gestellt habe. Stattdessen setze ich Zeichen und protestiere vehement bis zum heutigen Tag gegen das Konzept „angemessene Kleidung“.

I won’t let the sun go down on me …

Für mich ist „Sonnenbrille“ etwas wie „Rosine“ – ein Wort das mir bekannt ist ohne in meinem Leben Bedeutung zu haben. Ich könnte Wochen jünger aussehen, wenn ich das Konzept frühzeitig umarmt hätte, aber zunächst gibt es ein genetisches Hindernis: Das Fehlen einer Handtasche. Das geht sehr schlecht mit meiner gebogenen Ray Ban zusammen, die in einem Etui von der Größe eines Carports aufbewahrt wird. Ich bin schon tagelang mit zugekniffenen Augen durch fremde Städte gestolpert wie nach einer Atomexplosion. Wildfremde haben mich gefragt, ob ich koreanische Vorfahren hätte. Aber was ist Würdelosigkeit schon gegen Prinzipien? Pah!

You can stand under my umbrella (Ella ella eh eh eh)

Nun ist Sonne in Hamburg ein zu vernachlässigendes Phänomen, aber auch im Umgang mit Regen ist es nicht besser. Es fängt mit einem Trauma an: ein gelbes, unförmiges Plastikding das Sauerstoff hermetisch ausschließt und die Sicht behindert – das Regencape. Auch Kopfbedeckungen waren für mich nie eine Option – ich sehe automatisch aus wie Forrest Gump. Wie oft ich in meinem Leben schon mit nasser Jeans sitzen musste – ich rede mir ein, es hätte meinen Charakter gestärkt, aber zumindest sind im Feuchtbiotop meiner Schuhe schon neue Lebensformen entstanden.

Auch mit Hipsterfahrrad (Sie wissen ja, „Function follows form“: Wozu brauche ich eine Gangschaltung, geschweige denn Schutzbleche???) bleibt es eine Achillesferse. Neulich kam wieder die seltene Fügung: Jeans mit niedrigem Bund, die Jacke kurz, die Straße nass, ein feiner Wasserstrahl, der von oben ins Bauarbeiter-Dekolleté pieselt – das sind Zutaten für ein feinsinniges autoerotisches Erlebnis, das jeder mal erlebt haben sollte.

Close to me

Ich wüsste, wie es besser geht: Eine Freundin lebt mit einer nie dagewesenen Differenziertheit das Zwiebelprinzip (vielleicht ein evolutionäres Thema – ich halte Frauen biologisch für wechselwarm). In einem nie gesehenen Arrangement aus BHs, Unterhemden, Blusen, leichter Strickjacke, leichtem Baumwolltuch, Handschuhen, mittlerem Schal, leichter halblanger Jacke und zweiter Überjacke kann sie die Körpertemperatur aufs Tausendstel genau auf die Außentemperatur abstimmen.

Ich agiere da als Designer eher visuell. Ein Blick aus dem Fenster: Bei blauem Himmel T-Shirt, bei Wolken Sweatshirt und dicke Jacke (heißt: dass ich 98% der Zeit blaue Hände habe oder schweißgebadet bin) Dabei habe ich immer meine liebste Ex-Kollegin bewundert, die morgens drei Apps prüft, Wetterballons aufsteigen lassen, mehrere Frösche in Gläsern hält und eigene Berechnungen auf einem chinesischen Supercomputer durchführt, bevor sie perfekt angezogen die Wohnung verlässt.

Dafür habe ich auf meinem Weg einige bedeutende Lifehacks entwickelt: In meinen Teenagerjahren z.B., Haargel war schon erfunden, bin ich im Winter manchmal mit nassen Haaren zur Schule gegangen, um dort angekommen eine perfekt gefrorene Igelfrisur zu präsentieren. Und wer noch nie das Stechen gespürt hat, wenn unterkühlte Hände wieder durchblutet werden, wird den süßen Zauber einer Gratis-SM-Session nie verstehen.

Und es ward Kabel

Würde man heutigen Kindern Filme aus meiner Kindheit zeigen (die es nicht gibt, weil wir keine Super-8-Kamera hatten), würden sie vermutlich eine Dokumentation über das Spielverhalten von Neandertalern vermuten. Für mich aber war es ein verheißungsvoller Aufbruch in eine digitale Zukunft, um die Bauklötzchen und Bolzplätze hinter mir zu lassen. Ein wichtiges Symbol war der langsame Abschied vom Kabel – ein Kampf, den ich bis heute kämpfe.

Ich wollte ein (funk)ferngesteuertes Auto, als sie in Mode kamen. Aber viele Wünsche gehen zu weniger als 100% in Erfüllung – so auch dieser. Ich bekam aus Geldmangel einen rot-gelben Kipplaster mit einem gelb ummantelten Kunststoffkabel, an dessen Ende eine ebenfalls rote Fernbedienung hing – nur ohne Funk. Nicht dass ich undankbar war, aber im Abstand von 1,5 Metern hinter einem Auto herzulaufen war, wie einen phlegmatischen Hund an der Leine zu führen.

Zur gleichen Zeit wichen unsere Zahnbürsten einem elektrischen Zahnpflegecenter mit Munddusche – das erste kabellose Gerät in einem schlammigen Beige-Braun, das an Zahnbelag erinnerte. Wie sich das Gerät ohne Anschluss auflud, wenn man es in die Ladehalterung stellte, war mir ein Mysterium (ich warte seit 18 Jahren, dass mein Handy diesen Trick beherrscht).

Die Coolness, etwas kabellos, also transportabel zu machen, war in der Übergangszeit vor allem mit Last verbunden. Mein Radiorekorder benötigte acht Monozellen, um steckdosenlos Musik zu machen. Er bekam dadurch das Gewicht, nicht jedoch das Aussehen eines Ghettoblasters und blastete weder besonders eindrucksvoll, noch in einem Ghetto. Erst Jahre später war ich bei einem winzigen metallic-roten Sanyo-Walkman angekommen, noch lange, bevor Akkus die endgültige Freiheit bedeuteten.

Dann lösten sich im Strom des Fortschritts immer mehr Geräte von der Nabelschnur einer Steckdose: der Rasierapparat (bevor ich mich später für immer der Nassrasur zuwandte), das Telefon (dessen verdrehtes schwarzes Kabel während meiner geschwätzigen Pubertät einen Großteil der Zeit durch den Flur und unter meiner Tür hindurch verschwand), der Fernseher (dessen Fernbedienung mir die Welt des zappen eröffnete).

Aber die Kabel gaben nicht kampflos auf. Sie verbargen sich in einer dunklen Zimmerecke und warteten auf den perfekten Moment: Als ich meinen ersten PC kaufte bildeten sie hinter meinem Schreibtisch ein – trotz Kabelbindern – undurchdringliches Schlingpflanzengewirr. Es kostete mich Jahre … Moment … ich erkenne ein Muster … es ist wie der Energieerhaltungssatz: Kabel verschwinden nicht, sie werden in andere Kabel umgewandelt.

Jetzt wird mir alles klar. Vorletztes Jahr, als mich am Flughafen in München die nackte Angst befiel, weil mein Handy mit der digitalen Bordkarte nur noch 3% Akkuladung hatte. Ich lief wie ein Junkie durch die Gänge auf der Suche nach einer öffentlich zugänglichen Steckdose; dann kauerte ich neben meinem angestöpselten Handy wie einem auf der Straße verblutenden Kind und flüstere „Hab keine Angst, Papa weicht nicht von Deiner Seite“. Es war der Bumerang, der Mittelfinger aller Kabel, die ich zurückgelassen zu haben glaubte. Hochmut kommt vor der Drahtlosigkeit,

Ebend!

Als halbwegs eingebildeter Deutscher fühle ich mich verpflichtet, Sprache zu lieben und zu achten und gleichzeitig möchte ich allen zugestehen, sie als atmendes, sich ewig wandelndes Wesen zu begreifen, das Jedem in seiner eigenen Form dient … und Fledermäuse sollten vor dem Gesetz endlich mit regulären Mäusen gleichgestellt werden. Stop. Noch mal von vorn.

Ich bin ein elitäres Arschloch. Auf dem Arbeitsweg eröffnen neue türkisch geführte Läden (eine Volkswirtschaft, die auf den drei Säulen Handyläden, Friseur und Hackfleischbraterei gebaut ist): und nun heißt das neu eröffnete Café „Expresso“? Man könnte argumentieren: Leute die „Süt“ zu Milch sagen und „Müzgüm“ zu Hans … nein aber da hört der Spaß auf, ich will vor diesen Entwicklungen nicht einknicken. Wie sehr müssen die Italiener uns hassen: Erst integrieren wir ihre komplette Kultur von Kaffee, Teig- und Süßwaren, um dann in ihre Sprache in einem kollektiven Gangbang durchzunageln. (und ich meine nicht meine Kollegin die in einer Welt voller selbsterfundener Spitznamen lebt, wo Nudeln mit Hacksoße „Spacko Bolo“ heißen). Ich kenne das Gefühl, wenn ich eine Blockade im Rücken bekomme – ein feiner Schmerz, als würde mir Jemand ein Skalpell zwischen die Wirbel schieben. Bei jedem „Gnotschi“ und „Tschianti“ spüre ich genau diesen Schmerz und möchte mich in Stephen Hawking verwandeln – nur mit besseren Zähnen.

Wenn ich es wenigstens auf die Laien schieben könnte. Ich habe diese Idee, dass Jemand das Fachvokabular seines Berufs beherrscht (außer in meinem, aber dazu später) – ich nenne es Qualifikation. Die Kassiererin aber kann nach 15 Jahren das Wort „Cent“ nicht aussprechen, sie sagt „Zzent“, vielleicht aus einem tiefen Neid gegenüber der finnischen Sprache, mit zwei Konsonanten. Im Block House wird mir „Suhr Creme“ angeboten als wäre es das ostfriesische Nationalgericht, und ich denke „Gleich werde ich echt suhr“: So weit ist es eigentlich nicht von der Idee einer „sauren Creme“ entfernt (worauf meine liebe Kollegin, ebenso wie ich Mitglied bei Sprach-Pegida, reflexhaft sagt: „Es heißt doch auch nicht Whisky suhr“).

Dabei ist mein eigenes Berufsumfeld noch schlimmer (damit könnte ich einen eigenen Blogbeitrag füllen), hier fliegt mir täglich eine Splitterbombe aus Wörtern um die Ohren, denn alle wollen Piloten, Lokführer, Baggerfahrer oder Kindergärtner sein, so viel wird „Text reingeflogen“, „Bilder reingefahren“, „Aufgaben heruntergebrochen“ und „Varianten gespielt“. Und das berührt noch nicht das unendliche Feld der Anglizismen und ihrer eigenen Grammatikschwurbeligkeiten: (downgeloadet, gebackuped?) oder den Impact-Incentive-Packshot-Responsive-Wahn anderer Agenturen.

Wo ich endgültig zu Eva Herrmann werde ist bei einer der hartnäckigsten und penetrantesten Wortschöpfungen: das frei erfundene Verb „benamsen“. Eine soziologischen Studie könnte vermutlich erklären, warum vor allem Programmierern diese Variante benutzen – nicht einmal Zweijährige reden so meschugge. Es sollte zur Pflicht werden, IT-Bewerber im Bewerbungsgespräch als erstes zu fragen: „Wenn ich einer Sache einen Namen gebe dann tue ich was?“ Und Gnade Gott, ich stehe mit einer Cherry-Tastatur hinter der Tür und verprügsel Jeden, der falsch antwortet.

Gluten – eine von uns Beiden muss nun gehen

Letzte Woche hatte ich beim letzten Treffen der „Anonymen Allesesser“ (AAE) einen Durchbruch. Ich bin vor die Gruppe getreten und habe langsam und laut gesagt: „Ich esse Gluten“. Die anderen haben applaudiert und ich habe ein bisschen Gänsehaut bekommen. Dass ich jemals so weit kommen würde …

Ach, das Selbstmanagement: keiner braucht mehr Ärzte, die allwissende Müllhalde Internet und Zeitschriften predigen, was meinen Körper optimiert, Geheimtipps werden im Kreise der Freunde herumgereicht wie Joints. Aber es ist ja auch schlimm mit den Unverträglichkeiten, Umweltgiften und dem Gruppenzwang – ich horche den ganzen Tag in mich hinein, ob ich ein kleines Grummeln oder Zwicken finde, damit ich mitreden kann.

Gott sei Dank, da kommt Hilfe. Eine Bekannte verschenkt Bücher wie „Weizen ist die Saat des Teufels“, „Der Darm – das Land, in dem nie die Sonne aufgeht“ oder „Fruktose – Hitler unter den Zuckerarten“. Ich als Kind der Achtziger arbeite mich immer noch an gesättigten Fettsäuren, Industriezucker und Dioxin ab, da sind wir schon längst bei freien Radikalen, Acrylamid und Transfetten. Ich empfinde diese Hetzjagd als zutiefst ungerecht. Wir schaffen Diskriminierung ab, machen Frauen zu Bundeskanzlern, akzeptieren geschlechtlich Unentschlossene, integrieren Aborigines, aber Weizen und Kuhmilch werden verfolgt, als würden sie durch den Irak ziehen, Kulturgüter zerstören und Andersgläubige töten (wo bleibt der Gerichtshof für Menschenrechte, wenn man ihn wirklich braucht).

Genug Steine geworfen – wir schalten live ins Glashaus

Aber schließlich hat die Gehirnwäsche auch bei mir gewirkt. Weil Obst und Gemüse für mich eher den Stellenwert von Slipeinlagen und Schuppenshampoo haben, fülle ich meinen Speiseplan, abseits der realen Notwendigkeiten (zehn ausgepresste Zitronen, aufgekochte Ingwerscheiben und Zink in absurden Dosen, wenn ich erkältet bin) seit jeher mit Nahrungsergänzungen auf: Magnesium (weil ich sechsfacher Olympionike bin), Vitamin D (weil wir in Norddeutschland in ewiger Dunkelheit leben), Eiweißshakes (zusammen mit einem Mens Health-Abo das Killerrezept gegen meinen schlanken Körperbau), gummiartige Energieriegel wie aus dem Baustoffhandel (weil ich im regelmäßig Fitnesscenter 240 KG stoße) usw.

Aber dort endet meine Irrationalität noch lange nicht. Ich esse Müll – wortwörtlich. Seit mir ein Orthopäde den Tipp gegeben hat, wie alle Balletttänzer Glucosamin einzunehmen, esse ich teure weiße Kapseln, die aus Krusten von Schalentieren und gemahlenen Rinderknorpeln hergestellt werden. Es geht noch besser: Ich esse Dreck – auch wortwörtlich. Ich habe in den letzten Wochen Heilerde aus dem Biosupermarkt probiert, weil es angeblich bei der Darmsanierung hilft. Die Wirkung beider Mittel ist verblüffend – mein Portemonnaie wir anorektisch.

Meine persönliche Grenze habe ich im letzten Jahr mit einem grünen Smoothie erreicht: eine schlickige grüne Pampe aus Kiwi, Minze, Spirulina, Moosi und Löwenzahn – so dick, dass ich es nicht durch den Strohhalm saugen konnte, so ekelhaft, als würde ich Ausgebaggertes von der Elbvertiefung trinken. Pfui-bäh. Darauf einen Red Bull und eine Packung Tic-Tac. Und wenn ich am Ende von Schrippen Alzheimer kriege, dann hatte ich mein ganzes Leben Spaß beim Frühstück und am Ende kann ich mich mehr erinnern – wenn das kein guter Deal ist.

Für mich soll’s rote Ohrstöpsel regnen

Gestern auf der Zugfahrt erlebe ich, wie am Nebentisch folgende Situation erblüht: zwei Pärchen, geschätzt Mitte dreißig, dezent angehipstert, eins davon hochschwanger (sie konnte Hände und Brüste auf ihrem Bauch ablegen), mindestens drei im Krankenhaus tätig, einer als Arzt. Es folgt mein ganz privates „Gott des Gemetzels“, nur ohne Kotzen und Kate Winslet.

Akt 1: Das kleine Gespräch

Der Kerl mit den dem roten halbverstylten Bart und kräftigen Unterarmen holt eine Plastikdose heraus und beginnt, Melonenstücke zu essen. Ein erster, hormoninduzierter Redeschwall seiner Lebensgefährtin weist ihn in die Schranken (du kannst gerne jetzt schon essen ich habe gerade gar keinen Hunger ich würde eher so in zwei Stunden essen wollen aber in diesem Moment noch gar nicht). Er packt die Melonen wieder weg. Dann werden alle Topoi abgelaufen, die in einem heterosexuellen Mittdreißigeruniversum relevant sind: die Jobsituation in medizinischen Berufen (ich konnte das nicht weitermachen klar ist da Wertschätzung aber die Perspektiven waren mir zu unklar außerdem hätte ich noch ein Studium dranhängen müssen). Beurteilung der letzten absolvierten Hochzeiten (die Location war toll aber das Essen ging gar nicht sogar die Gin Tonics waren furchtbar, vor allem als Schwangere war wenig für mich dabei Salat geht ja nicht und das Fleisch war auch nur halbdurch, blöd wenn man dann bei Bratkartoffeln hängen bleibt), wie toll und wertvoll der gemeinsam initiierte Stammtisch ist (inzwischen läuft das richtig regelmäßig da bringt jeder immer wieder neue Leute mit und dadurch entsteht ein schöner Vervielfältigungseffekt), die Messlatte beim Thema wohnen (Lina* und Mark* sind eigentlich so versessen auf bodentiefe Fenster aber als sie bei uns waren fanden sie auf einmal unsere Wohnung so toll), andere Paare (jaja, Corinna* und Ole* sind inzwischen auch verheiratet und ein Kind haben die auch irgendwie haben die sich zusammengerauft ja finde ich auch schön) und dann streuselt die Schwangere die ersten Schwangerenthemen ins Gespräch (diese Spezial-BHs trage ich jetzt nicht mehr weil die so unter den Armen kneifen die sind zwar hilfreich aber wenn es nicht zu meinem Körper passt muss man es ja nicht übers Knie brechen) Zwischenauswertung: Redeanteil Frauen: 80%, Männer 20%.

Akt 2: Das Östrogenkarusell

Nach circa einer halben Stunde verschwinden die Männer in ein Areal ihres Gehirns, das ausschließlich mit Testosteron tapeziert ist. Mann 1 setzt eine Schlafbrille auf (Haha ich hatte mal überlegt ihm eine zu nähen wo Papa draufsteht in Rosa mit Rüschen), und schaltet damit genau den falschen Sinn aus (so, als würde man sich einen Mundschutz aufsetzen und dann einen Presslufthammer einschalten), Mann 2 beschäftigt sich mit seinem Handy, denn jetzt zünden die Frauen den Kommunikationsboost. Erst wird das Strickzeug ausgepackt (Reden beschäftigt offenbar nicht genug Synapsen) und ohne Männerbarriere kann endlich das Thema Schwangerschaft vertieft werden (ich hab das Thema für mich total optimiert nicht so wie Swantje* die hat es zwei Jahre probiert das wird ja sogar für den Mann anstrengend. Man kann das ja etwas pragmatisch angehen macht ja eh immer Spaß), dann kommt noch ein Nebenaspekt der Schwangerschaft (ich hab ja immer Sterilium dabei als Nichtschwangere war ich da nicht so aber wenn ich sehe was Leute alles im Bus machen Popeln und so). Dann geht die Andere aufs Klo und für eine Minute ist es fast still, bis auf leises Übersprungsbrabbeln zu ihrem Kerl (die Nagellackfarbe ist super und der platzt gar nicht so schnell ab), er bietet drei Gramm Interesse an (Ich hab auch eher Mühe mit Hitze als mit Kälte). Zwischenauswertung: Redeanteil Frauen: 99%, Männer 1%.

Akt 3: Doctor, doctor, can’t you see I’m burning, burning

Auftritt der Männer als es plötzlich technisch wird. Es folgt eine detaillierte Analyse der Softwaresituation in Krankenhäusern (benutzt ihr eigentlich iPads bei der Visite ich habe das noch nirgends in der praktischen Anwendung gesehen bei uns wird noch ganz viel mit Akten gemacht wart ihr da bei Asklepios schon weiter?). Es geht um Patientenmanagementsysteme (wir verwenden Doc Concept weil es günstiger ist, aber bei älteren Ärzten so ab Mitte vierzig ist die Schwelle schon höher. Mein Oberarzt ist 62 und der versteht nicht mal wie man das Ultraschallgerät mit dem Computer koppelt)

Zu diesem Zeitpunkt habe ich mein passiv-aggressives Arsenal verbraucht: böse zu den Frauen hinüberschauen, kopfschüttelnd die Kopfhörer aufsetzen und seufzend die Augen zu rollen. Ich formuliere in Gedanken Sätze („Können wir bitte eine Minute der Flüchtlinge auf Kos gedenken – schweigend“). Ich ritze unterbewusst mit dem Red Bull Verschluss meine Handgelenke und stehe sehnsüchtig vor dem offenen Klofenster. Schließlich nehme ich mein Gepäck und verbringe die letzten zehn Minuten der Fahrt neben der Tür.

Ich bin um folgende Einsichten reicher:

  • Frauen können ohne Atmen oder Flüssigkeitsaufnahme für geschlagene zwei Stunden reden. Ursula von der Leyen wäre froh, Waffen mit solcher Schussfrequenz und Ausfallsicherheit in der Armee zu haben.
  • Trotz jahrhundertelanger Kämpfe um Gleichberechtigung, Alice Schwarzer und Metrosexualität sind Männer und Frauen von verschiedenen Planeten: Männer vom Mars, und Frauen von einem Planeten mit sehr viel Sauerstoff.
  • Schwangere sind wie schwarzes Löcher (metaphorisch, nicht vom Umfang her), sie saugen sämtliche Materie um sich herum ein und geben sie niemals wieder frei – in ihrer Gegenwart kann nichts anderes existieren.
  • Jetzt wo die NSA alles über uns weiß kann man seine Privatsphäre in den Wind schießen und ein Zugabteil an seinem gesamten Privatleben teilhaben lassen (ich hätte einen der Männer erschießen, und seinen Platz einnehmen können wie der talentierte Mr. Ripley – ich weiß alles über die vier).

* Namen von der Redaktion geändert